App Store 2.0: Chancen für neue und unbekannte Apps?

Am Montagabend war es wieder soweit: In San Francisco fand die alljährige Apple Entwicklerkonferenz (WWDC) statt. Präsentiert wurden spannende Themen rund um watchOS, macOS, tvOS und iOS. Die Bandbreite reichte von Software-Updates bis hin zu neuen App-Diensten. Unsere Aufmerksamkeit widmet sich heute aber ganz besonders dem App Store, dessen Neuerungen schon letzte Woche angekündigt wurden und — wie wir finden — einige coole Änderungen mit sich bringen. Unter der Führung von App Store Chef Phil Schiller, soll der App Store nun nämlich besser und schneller werden: Willkommen App Store 2.0.

„We want our customers to have a reason to come to the App Store every day“
Phil Schiller

 

App Store 2.0: die Neuerungen im Überblick.

Völlig unerwartet stellte Schiller die Neuerungen im App Store schon letzte Woche vor der WWDC im US Magazin The Verge vor. Angekündigt wurde eine große Umstellung, die erfahrungsgemäß zuerst im US-App Store umgesetzt werden soll. Der App Store 2.0 zeichnet sich vor allem durch Ads, Abos und verkürzte Reviewzeiten aus. Doch was bedeutet das genau?

Chancen für neue unbekannte Apps im App Store?

Apple CEO Tim Cook legte Montagabend beeindruckende Zahlen vor: Zu Anfang startete der App Store mit 500 Apps, heute rechnen wir mit weltweit 2.000.000 Apps und bisher insgesamt 130 Milliarden Downloads. (siehe Titelbild – Quelle) So stehen neue unbekannte Apps häufig vor dem Problem, in der riesigen Masse an Apps unterzugehen. Auch, wenn eine App qualitativ sehr gut ist, bedeutet es nicht, dass sie auch von den Nutzern wahrgenommen wird. Der App Store 2.0 soll vor allem diesen Apps helfen, wahrgenommen zu werden.

Sichtbarkeit über Suchwerbung.

Künftig werden geschaltete Werbeanzeigen eine große Rolle spielen. Sobald Nutzer nach themenspezifischen Apps suchen, wird mit Hilfe von Suchwerbung die eigene App vorne in den Suchergebnissen platziert. Für eine klare Unterscheidung, wird die gesponserte App-Werbung deutlich mit einem blauen „Ad“-Button gekennzeichnet — dabei wird aber immer nur eine Werbung gleichzeitig angezeigt und die Texte und Bilder der App Store Präsenz verwendet, um das Gefühl von marktschreierischem Spamming zu vermeiden. Gezahlt wird die Suchwerbung erst dann, wenn diese tatsächlich angeklickt wurde.

“Our store is not for sale—that’s not how we handle things. We are only going to do this if we can, first and foremost, respect the user and be fair to developers, especially small developers.”
Phil Schiller

Apple Search Ad

Bildquelle: https://developer.apple.com/appstore/search-ads/

Diese Suchwerbung stellt eine effiziente und einfache Möglichkeit dar, um besonders neue unbekannte Apps in ihrer Reichweite zu fördern. Was bisher nur durch App Store Optimierung und auch nur bedingt möglich war, wird nun um eine weitere Facette erweitert.

Der Bezahlvorgang für die Ads soll dabei mittels eines Auktionssystems umgesetzt werden – dies soll laut Apple „fair zu Entwicklern und auch fair zu unabhängigen Entwicklern“ sein. Ob dieses Auktionssystem tatsächlich zu mehr Fairness beitragen wird und es unabhängigen kleineren Entwicklerstudios ermöglichen wird, die Sichtbarkeit für ihre Apps zu erhöhen, gilt allerdings abzuwarten.

Langfristige Finanzierung durch Abos.

Des Weiteren stehen ab Herbst nun allen Apps Abonnements als Geschäftsmodell zur Verfügung. Schiller bezeichnet das Modell sogar als Wendepunkt in der Geschichte des App Stores. Wo es zuvor nur bestimmten Apps, wie etwa Cloud-Anbietern, Streaming-Diensten oder Nachrichten, gestattet war, die In-App-Bezahlschnittstelle für Abos zu nutzen, dürfen nun auch alle anderen Apps ohne Einschränkung nachziehen. Für diese Geschäftsmodelle kommen nun auch die lange erwarteten Testphasen. Je nach Abomodell kann der User die App über einen Zeitraum von 7 Tagen oder einem Monat testen, bevor sich seine Testphase (automatisch) in ein Abo wandelt. Schiller bezeichnet das Modell als besonders benutzerfreundlich, da der User vor Ablauf der Testphase über die Preiserhöhung informiert wird und die Chance auf Kündigung des Abos hat. Was die Preisgestaltung bei den Abomodellen angeht, gab es im Rahmen der WWDC ebenfalls gute Neuigkeiten. Künftig werden Anbieter ab dem zweiten Abo-Jahr nur noch 15 Prozent an Apple abgeben müssen. Und nicht wie bisher mit einer Verteilung von 70/30 Prozent arbeiten müssen. Ebenso neu ist, dass Anbieter für jeden Markt individuelle Preise festlegen können. Ob sich dieses Modell in unserem heutigen Zeitalter, in dem es im Internet eigentlich kaum noch Landesgrenzen gibt, gut umsetzen lässt, bleibt abzuwarten. Spannend wäre es auf jeden Fall, diese Möglichkeit für spezielle Promo-Aktionen zu nutzen, in denen bspw. regionale Feiertage berücksichtigt werden.

Gerade aber die Möglichkeit für Testphasen ist für unbekannte Apps eine unheimliche Chance. Um dem Nutzer die Angst vor einer kostenpflichtigen App und einer potentiellen Fehlinvestition zu nehmen, können auch Entwickler nun diese Testphasen anbieten. So merkt der Nutzer relativ schnell, ob die App seine Bedürfnisse befriedigt – auch wenn er vorher noch nie von ihr gehört hat. Diese Einführung könnte tatsächlich dazu führen, die Quote der Apps zu reduzieren, die nach nur einem Tag wieder gelöscht werden. Allerdings gilt diese Neuerung aktuell nur für die Apps, die mit dem Abomodell arbeiten. Für alle anderen Apps gibt es diese Möglichkeit leider weiterhin nicht. Ob Testphasen für alle Apps angedacht sind, wollte Schiller noch nicht verraten.

Dynamische Entwicklungszyklen durch schnellere Reviewzeiten.

Auch die lange Wartezeit für die Reviews von Apps war Thema im Rahmen der WWDC: Statt wie bisher bis zu einer oder im schlimmsten Fall drei Wochen warten zu müssen, bis die Apps und Updates von Apple freigegeben werden, erfolgt die Überprüfung aktuell bereits bei der Hälfte der eingereichten Apps innerhalb von 24 Stunden, 90 Prozent innerhalb von zwei Tagen. Auch hier will Apple noch besser werden. Für Apps bedeutet das die Möglichkeit dynamischerer Entwicklungszyklen und gerade für unbekannte Apps bietet diese Neuerung die Möglichkeit schnell auf den Markt zu reagieren, verschiedene Strategien auszuprobieren, Feature-Requests schneller einzubauen und auch mögliche Bugs schneller zu beheben. Punkte, die gerade für unbekannte Apps mit einer kleinen Usergruppe unheimlich wichtig sind.

Und zuletzt: Mund-zu-Mund Propaganda durch 3D-Touch.

Eine Änderung, die nicht direkt den App Store, sondern iOS betrifft, bringt weitere Chancen für unbekannte Apps. Unter iOS 10 können Apps künftig durch eine Quick-Action auf dem Homescreen über 3D Touch geteilt werden. Diese Funktion stellt gerade für unbekannte Apps ein großes Potential dar und bringt User vielleicht auch erst auf die Idee eine App unkompliziert und schnell weiterzuempfehlen. In der Betaversion von iOS 10 funktioniert diese Funktion leider noch nicht einwandfrei: Der geteilte Link zum App Store ist durch die Einbettung in Beschreibungstext leider nicht klickbar. Ein Schönheitsfehler, der bis Herbst behoben sein sollte.

Vorsichtiger Optimismus.

Schlussendlich steht eines fest: Der App Store 2.0 konnte uns besonders mit der Einführung des Abo-Modells überzeugen, denn Abonnements nehmen in der heutigen Zeit einen immer größeren Stellenwert ein. Statt den Kunden jedes Mal aufs Neue zum Kauf zu animieren, sorgt die Abo-Strategie für eine langfristige und nachhaltige Kundenbindung. Gerade der kostenlose Testzeitraum scheint besonders attraktiv, um Neukunden auf sich aufmerksam zu machen und mögliche Hürden zu reduzieren. Allerdings bleibt abzuwarten, wie die Neuerungen – besonders das Auktionsmodell – umgesetzt werden. Wir hoffen hier auf eine echte Chancengleichheit und keine Lippenbekenntnisse.

Übrigens: Was Apple für den Herbst dieses Jahres plant, hat Google übrigens bereits im Jahr 2015 eingeführt: Mittlerweile arbeitet Google nicht nur mit dem Werbesystem AdWords, sondern auch mit Suchwerbung innerhalb des Google Play Stores. Google war aber nicht nur Vorreiter, was die Suchwerbung betrifft. Mit den Instant Apps, die am 18.04. bei der Google I/O präsentiert wurden, bietet Android den Nutzern die Möglichkeit native Apps zu nutzen, ohne sie zu installieren und ermöglicht somit eine ganz neue Art der App-Verbreitung.

Wir sind auf jeden Fall sehr gespannt, wie sich die Neuerungen auf den beiden Plattformen in der Praxis umsetzen lassen und werden die neuen Strategien besonders mit unserer eigenen Lieblingsapp tellly austesten. Über unsere Erfahrungen werden wir selbstverständlich berichten.

Was haltet Ihr vom App Store 2.0? Seht Ihr in der neuen Strategie echte Chancen für unbekannte Apps und unabhängige Entwickler?

Update (28.06.2016):

Nach der Bekanntgabe der Apple-Store Neuerungen gab es viel Diskussionsbedarf. Und noch viel mehr Kritik. Bereits seit vielen Jahren versucht Apple die Auffindbarkeit von Apps im App Store zu verbessern. Geschaltete Werbeanzeigen als effiziente Möglichkeit neue unbekannte Apps in ihrer Reichweite zu fördern? Offenbar eine Illusion, befürchten viele Kritiker. Die Suchwerbung wird für unabhängige Entwickler als äußerst negativ eingeschätzt. Die Angst besteht darin, dass vor allem die größeren Entwickler von der Neuerung im App Store profitieren. Für kleinere Entwickler, die über ein geringes Budget verfügen, sieht es dagegen schlecht aus. Ganz nach dem Prinzip: die Stärkeren werden noch stärker, die Schwächeren werden noch schwächer. Oder?

„Search is basically the only way that a small developer without a big marketing budget can be discovered, why would they (Apple) want to take that away from them. If you open up search to being paid for, then you just give the big developers with the big budgets one more way to sort of monopolise discovery.“
Eric Seufert (Partner at Heracles)

 

Trotz der negativen Äußerungen, müssen sich aber auch Kritiker eingestehen, dass die bezahlte Suchwerbung besonders Nischen-Apps ermöglichen kann, überhaupt aufgefunden zu werden. Dies gelingt aber auch nur dann, wenn für die Werbung gezahlt wird. In der Live-Sendung „The Talk Show“ von John Gruber äußerte sich Phil Schiller zu den aktuellen Sorgen um die Suchwerbung. Dabei betonte er, dass Apple sich im Vorfeld viele Gedanken gemacht hat, um gerade die kleinen und unabhängigen Entwicklern fair zu behandeln und zu schützen. Phil Schiller überzeugte mit einer unterhaltsamen Art und nahm durch seine Argumentation dem einen oder anderen Kritiker die Angst und Sorge um die Neuerungen im App Store.

„The fact that — and this has been a hotly-debated thing — the fact that you can do conquesting. You can use someone else’s brand in your ad words that you want to use. As we thought about it, that is more likely to benefit the small developer than the big developer. Because the big developer isn’t going to pick on a lot of small developer terms, but a small developer can try to latch on to a big developer’s name. If I want to search for Angry Birds and your game, you can. Right? And so we think that that can help them.“
Phil Schiller

 

Hier gibt es noch ein paar Einblicke in den WWDC-Abend bei der fluidmobile.

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