Die Gefahr von Habituation und der Wert von Usability Tests – Teil 2

Nachdem wir vor zwei Wochen gerade wieder für einen Kunden Usability Tests durchgeführt hatten und geradezu in neuen Erkenntnissen schwammen, haben wir uns aufs Neue gefragt, warum der Wert von Usability Tests vielen Unternehmen noch nicht klar zu sein scheint. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, in dieser kleinen Serie darüber aufzuklären. Letzte Woche haben wir Euch über die Gefahr der Habituation aufgeklärt und heute sprechen wir über die Usability Tests.

Was genau sind Usability Tests?

Ein Usability Test dient dem Zweck, ein (Software-) Produkt auf seine Bedienbarkeit zu testen. Getestet werden also alle Überlegungen zu Workflow, UI-Design und Wording. Mögliche Bugs, die bei diesen Tests in Erscheinung treten, sind ein nettes Beiwerk, allerdings liegt der Fokus klar auf der Bedienbarkeit der Software. Bei dem Test geht es nicht um ein Bestehen oder Durchfallen, sondern vielmehr darum, so viele wertvolle Erkenntnisse wie nur möglich zu gewinnen. Jedes Feedback ist wertvoll – ob es Annahmen bestätigt oder einen komplett neuen Blickwinkel eröffnet.

Vorbereitung des Usability Tests

Wann sollten Usability Tests durchgeführt werden?

Usability Tests können in unterschiedlichen Stadien der Produktentwicklung durchgeführt werden. So können bereits erste Ideen mit Hilfe von Papier-Prototypen getestet werden. Oftmals bietet es sich aber gerade in frühen Stadien des Prozesses an, erste Einblicke über Tiefeninterviews mit der Zielgruppe zu gewinnen und diese Erkenntnisse in die Konzeption und Entwicklung einfließen zu lassen. Diese Interviews sind offener gestaltet als Usability Tests und können gerade in frühen Stadien der Konzeption zu besserem Feedback führen, weil sie weniger auf einzelne Use Cases bezogen sind, sondern die Bedürnisse der Zielgruppe als Ganzes betrachten. Allerdings können diese Interviews das direkt auf die Anwendung des Produktes bezogene Feedback eines Usability Tests nicht ersetzen, weshalb diese Technik ab einem bestimmten Punkt unheimlich wertvoll wird.

Den perfekten Punkt für Usability Tests gibt es nicht. Wer wartet, bis das Produkt ausgestaltet ist, ist möglicherweise nicht mehr offen gegenüber berechtigter Kritik – besonders an elementaren Features. Wer zu früh testet, während das Produkt noch nicht richtig geformt ist, kann enttäuscht werden, weil das Feedback genauso unkonkret ist wie das Produkt selbst. Letztlich gilt es für jedes Projekt individuell, den Punkt zu finden, der sich für diese Art des direkten Feedbacks eignet.

fluidmobile Usability Tests

Was sind wichtige Eckpfeiler der Usability Tests?

Eckpfeiler 1: Die Auswahl der Probanden

Absolut elemetar ist die Entscheidung, mit wem die Tests durchgeführt werden sollen. Also von wem man Feedback zu seinem Produkt bekommen möchte. Dabei gilt, je klarer die Zielgruppe definiert ist, desto besser. Bei der fluidmobile entwickeln wir in der Konzeptionsphase sogenannte Personas, mit denen wir bestimmte Zielgruppensegmente beschreiben. Für die Tests orientieren wir uns an diesen Personas und suchen Repräsentaten dieser Gruppen. Dabei kann es durchaus sein, dass ein Proband, Aspekte verschiedener Personas abdeckt. Pro Test-Runde genügen oft 3-5 Probanden, da ab dem 5. Probanden in der Regel keine neuen Erkenntnisse gewonnen werden.

Eckpfeiler 2: Die Auswahl der Methodik

Es gibt unterschiedliche Test-Methodiken wie Laut denken, Aufgabenanalyse, Fokusgruppen, Nutzertagebücher, Beta User, Guerilla Testing und viele mehr. Die Auswahl der richtigen Methodik ist stark projektabhängig, wir haben aber aus einer Kombination von Aufgabenanalyse und dem Laut denken gute Erfahrungen gemacht. Beta Users können in Verbindung mit Nutzertagebüchern zusätzlich integriert werden. Grundsätzlich gilt es auch hier, den richtigen Mix zu finden, der genau zu den Rahmenbedingungen des Projektes passt.

Eckpfeiler 3: Das Festlegen der Aufgabenstellung

Vor Durchführung der Tests sollte man sich genau überlegen, welche Aspekte der Software man testen möchte. Wählt man beispielsweise die Methodik der Aufgabenanalyse sollte man diese Use Cases in konkrete Aufgaben formulieren. Während der Tests sollen die Probanden diese Aufgaben dann bewältigen. Dabei sollte man einen guten Mix von einfachen Aufgaben (wie Log-In, Passwort vergessen, Informationen wiederfinden etc.) bis hin zu komplexen Use Cases anbieten. Gerade Registrierungs- und Log-In-Prozesse sollte man auf keinen Fall ungetestet lassen, denn diese Prozesse sind letztlich entscheidend für den User – und der Teufel steckt bekanntlich im Detail.

Eckpfeiler 4: Die Durchführung

Grundsätzlich muss vorab entschieden werden, wie viele Tests durchgeführt werden und wo diese stattfinden sollen. Hierbei bietet es sich an, iterativ zu testen – also mehrere Testrunden nacheinander durchzuführen – um Ergebnisse aus den ersten Tests in den nächsten wieder zu testen. Für den Aufbau (das Set-Up) der Usability Tests ist ein Testlabor optimal. Ein Testlabor besteht mindestens aus einem ruhigen Raum, der genug Patz für den Probanden sowie den Moderator bietet und in dem sich ungestört arbeiten lässt. Es ist auch möglich, Usability Tests durchzuführen, ohne dass der Proband vor Ort ist. (Remote Testing) Allerdings gehen durch dieses Set-Up oft kleine, subtile Erkenntnisse verloren, die erst durch den unmittelbaren Kontakt zwischen Proband und Moderator klar werden. Außerdem hilft der zwischenmenschliche Kontakt dabei, mögliche Hürden und Hemmungen bei den Probanden abzubauen. Bei der Durchführung fällt dem Moderator gerade deshalb eine sehr wichtige Rolle zu. Er muss dafür sorgen, dass sich der Proband wohlfühlt, kleine Regungen erkennen, nachfragen und ihn dazu animieren, seine Ideen einzubringen – und das, ohne sugestiv eine Richtung vorzugeben und den Probanden (bewusst oder unbewusst) zu beeinflussen.

Eckpfeiler 5: Die Analyse und die Rückschlüsse

Die Analysephase ist eine der wichtigsten Phasen der Usability Tests. Jegliches Feedback wird analysiert, in Zusammenhang gebracht, mit Handlungsempfehlungen versehen und letztlich priorisiert: Was hat der Proband gesagt? Was hat er damit gemeint? Was bedeutet das für unser Produkt? Ist das ein kritisches Problem? Muss es sofort behoben werden? Für die Analyse nutzen wir Lookback – eine Software, die sowohl die Interaktionen des Probanden auf dem Bildschirm des Smartphones oder des Computers aufnimmt als auch seine Reaktionen über die Frontkamera filmt. Später können diese Videos angeschaut und mit Kommentaren zu bestimmten Sequenzen versehen werden, um die Auswertung innerhalb des Teams bestmöglich abzustimmen. Unheimlich wichtig hierbei ist es, die Probanden vor den Tests auf diesen Prozess aufmerksam zu machen und ihnen zu erklären, wofür die Videos verwendet werden. Außerdem sollten sie eine Erklärung zur Nutzung des Materials unterschreiben. Vergisst man hier, die Probanden aufzuklären und sie emotional abzuholen, können unangenehme Konsequenzen folgen.

Und warum sind Usability Tests nun so wichtig?

Falls die Wichtigkeit der Usability Tests Euch immer noch nicht vollständig klar ist, möchte ich sie hier noch einmal unterstreichen. Selbst die beste Konzeption und die besten Prozesse zur Verhinderung der Habituation (Teil 1 dieser Reihe) können diese wertvollen Einblicke in die Köpfe der Zielgruppe nicht ersetzen. Usability Tests sind die ultimative Konfrontation mit den späteren Nutzern. Alle Interaktionen werden auf Herz und Nieren getestet und jede noch so kleine Irritation fällt sofort auf. Mit den Erkenntnissen aus den Tests kann das Produkt dann feingeschliffen und zum Erfolg geführt werden.

Mit einer kontinuierlichen Implementierung von Usability Tests kann zudem sichergestellt werden, dass auch die Weiterentwicklung des Produktes erfolgreich ist und auf Veränderungen in den Bedürfnissen der Zielgruppe oder im Markt reagiert werden kann. Der Wert, der sich aus den Erkenntnissen von Usability Tests ergibt, kann im Entwicklungsprozess dabei tatsächlich mit Geld bemessen werden: Weniger Change-Requests, eine höhere Akzeptanz der Software und (da die Tester oft die späteren Nutzer sind) kostenlose Mund-zu-Mund-Propaganda.

Kurzum: Usability Tests sind das A und O jeder großartigen User Experience.

Wenn Ihr immer noch nicht überzeugt seid, meldet Euch gerne unter kt@fluidmobile.de bei mir, um mir die Chance zu geben, das zu ändern.

 

Außerdem: Herzlichen Dank an Herrn Koch von Rauchmelder Koch, dass wir das Bild von seinem Testdurchlauf verwenden durften.

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