Die Gefahr von Habituation und der Wert von Usability Tests – Teil 1

Vergangenen Freitag haben wir wieder einmal Usability Tests für einen unserer Kunden durchgeführt. Eine unheimlich wertvolle Methode, um direktes Feedback von echten Usern zu bekommen. Wir merken jedoch immer wieder, dass Unternehmen Usablitity Tests gegenüber zurückhaltend sind. Warum ist das so? Kennen sie die Gefahr nicht, die von der sogenannten Habituation ausgeht? Oder haben sie Angst vor der Durchführung von Usability Tests?

Was auch immer der Grund dafür ist, Fakt ist, dass Usability Tests eines der wichtigsten Werkzeuge sind, um Produkte feinzuschleifen und zum Erfolg zu führen. Deshalb möchten wir in dieser kleinen Blogreihe zuerst über die Gefahr der sogenannten Habituation und anschließend über den Wert von Usability Tests berichten. Beginnen wir heute mit der Habituation, denn sie ist einer der Hauptgründe, warum Usability Tests so wichtig sind.

Was ist diese Habituation?

Laut Definition beschreibt Habituation einen psychologischen Lernprozess, demzufolge der Mensch schwächer auf einen Impuls reagiert, je länger er ihm ausgesetzt ist. So kann der Mensch lernen, einen Impuls mit der Zeit völlig zu ignorieren, wenn er ihm nur häufig genug ausgesetzt wird. Und das geschieht oft vollkommen unterbewusst.

Kurzum: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Je öfter wir einem Umstand ausgesetzt werden, desto weniger irritiert er uns.

Im Gegensatz zur Habituation steht die Sensitivierung. Diese bezeichnet den Prozess einer Reiz-Verstärkung bei Wiederholung eines Impulses. Allerdings wirkt sich die Sensitivierung meist auf das gesamte Reizempfinden eines Organismus aus und nicht – wie es bei der Habituation der Fall ist – auf einen bestimmten Impuls.

Warum verhält sich unser Gehirn so? Unserem Gehirn steht nur eine gewisse Kapazität zur Verfügung, deshalb ist es notwendig, einen gewissen Prozentsatz unserer täglichen Handlungen über diesen Lernprozess in Gewohnheiten umzuwandeln, die unterbewusst ablaufen, um die so frei gewordene Kapazität für neue Reize nutzen zu können. (mehr Informationen zu den Hintergründen der Habituation und der Sensitivierung)

Und warum ist Habituation gefährlich?

Habituation ist notwendig. Ohne Habituation würden wir in der Reizüberflutung unseres Alltags untergehen. Und dennoch, Habituation kann sehr gefährlich sein. Wir gewöhnen uns an Dinge und hören auf, sie zu hinterfragen. Wir sehen Probleme nicht mehr. Um es mit Jostein Gaarder zu sagen, kriechen wir immer tiefer in das Fell des Kaninchens und machen es uns dort so richtig bequem. Wenn dieser Umstand uns davon abhält, Probleme zu sehen, ist Habituation schlecht für uns.

„If it stops us from noticing problems, it’s bad.“

Wie kann man dem entgegenwirken?

Wichtig ist es, die Gefahr der Habituation zu kennen und sich ihr nicht überlegen zu fühlen. Grundsätzlich gibt es drei wichtige Techniken, die man intern im Projektteam während des Prozesses anwenden kann:

  1. Look broader: Den Kontext betrachten und nicht nur ein einzelnes Problem. Denn der User wird mit dieser bestimmten Interaktion niemals losgelöst vom Kontext konfrontiert sein. Aus diesem Grund stimmen wir unsere Konzepte und Design niemals als einzelne Screens mit unseren Kunden ab, sondern orientieren uns immer an sogenannten Use Cases, die einen gesamten Workflow abbilden.
  2. Look closer: Genau hinschauen. Das Stichwort Microinteractions bezeichnet den Fakt, dass selbst winzige Feinheiten den Unterschied machen können. Das gilt zum Einen beim Wording des Produktes, aber auch bei der User Experience scheinbar unwichtigerer Funktionen. Hier vertreten wir den Standpunkt, dass es keine unwichtigen Use Cases gibt – wenn das Feature im Produkt umgesetzt ist, muss es sich für den User gut anfühlen.
  3. Think younger: Aus vorgefertigten Gedankenmustern ausbrechen und Dinge hinterfragen. Das hört sich selbstverständlich an, ist es aber nicht. Während eines Projektes darf man keine Angst davor haben, Dinge zu hinterfragen. Das ist nicht zu jedem Zeitpunkt des Projektes gleich einfach, aber gezielt eingesetzte Reviews können das Projekt entschieden voranbringen. Statt zu denken „That’s just the way the world works.“ sollten wir uns ständig fragen „How can I experience the world better?“. Aus diesem Grund haben wir während unserer Arbeit stets folgendes mahnende Motto im Hinterkopf: „Das kannste schon so machen, aber dann isses halt kacke.“ Was sich zuerst etwas aufmerksamkeitsheischend anhört, beschreibt für uns genau diesen Anspruch, Dinge zu hinterfragen und immer nach der besten Lösung zu suchen.

Diese Techniken führt Tony Fadell, der neben Steve Jobs einer der wichtigsten Köpfe bei der Entwicklung des iPods war, in seinem Ted Talk über Habituation noch etwas weiter aus.

Was kann man noch tun?

Neben den hier beschriebenen Techniken gibt es ein weiteres Instrument, das die Habituation über externen Input in die Flucht schlägt und dafür sorgt, jegliche Betriebsblindheit zu vertreiben: Usability Tests. Nächste Woche werden wir uns ausgiebig diesem Thema widmen. Seid gespannt!

Habt Ihr selbst schon in Projekten die Auswirkungen von Habituation bemerkt? Wie geht ihr damit um?

 

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