Digitale Zeitung von morgen – Vision und Realität einer Branche

Die Zeitungsbranche steckt seit Jahren in der Krise. Um die Printbranche steht es sogar so schlecht, dass sie um ihr Überleben kämpft. „Wir möchten überleben“, sagte Alfred Neven DuMont, Verleger der Berliner Zeitung, des Kölner Stadt-Anzeigers und der Hamburger Morgenpost bereits 2014 auf dem Jahreskongress des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger. Schuld an dieser Krise – da ist man sich einig – ist die digitale Revolution und das veränderte Nutzungsverhalten immer heterogener Zielgruppen. Trotzdem schaffen es viel zu wenig Verlage, die Digitalisierung für sich zu nutzen und eine echte Vision für die digitale Zeitung von morgen zu leben. Warum eigentlich?

„Das Smartphone ist das neue Internet“.

Bereits 2016 schrieb Sascha Lobo im Spiegel: „mobil ist das neue Normal, das Smartphone ist das neue Internet.“ Die ARD/ZDF Onlinestudie dieses Jahres bestätigt das und zeigt auf, dass die Menschen in Deutschland 2017 durchschnittlich 149 Minuten im Internet verbrachten. Die jüngeren Internetnutzer (14-29-Jährigen) verbrachten dabei durchschnittlich 4,5 Stunden pro Tag im Netz, während die über 50-Jährigen es immerhin auf 1,5 Stunden brachten. 30 Prozent davon nutzen das Internet mobil unterwegs, bei den 14-29-Jährigen sind sogar 63 Prozent. Aber nicht nur unterwegs greifen Nutzer über das Handy auf das Internet zu. Auch Zuhause befindet sich das mobile Internet auf dem Vormarsch und hat mittlerweile die Internet-Nutzung auf dem Desktop-PC überholt.

Insbesondere die Printmedien leiden bisher unter der Verbreitung des Internets. Es ist schwer für Zeitungen mit dem Internet zu konkurrieren, denn über das Internet können Nutzer kostenlos und mobil auf aktuelle Information zugreifen. Dies spiegelt sich auch in den sinkenden Auflagenzahlen von Zeitungen wieder. Das Schaubild unten zeigt die tägliche Gesamtauflage in Deutschland. Mit inbegriffen sind lokale und regionale Zeitungen, Überregionale Zeitungen, Tageszeitungen, Sonntagszeitungen und Wochenzeitungen.

Tägliche Auflagenzahl in Deutschland

Große Veränderungen bringen große Herausforderungen mit sich.

Gerade die junge Generation kommt  dabei kaum noch mit traditionellen Medienmarken in Kontakt. Eine Studie von AWA zeigt, dass seit 2000 die Zahl der Zeitungsleser unter den 20-24-Jährigen dramatisch zusammen bricht. 2015 haben nur noch 28,9 Prozent in diesem Alter gedruckte Tageszeitungen gelesen. Das ist ein Problem, denn wer als junger Mensch keine Zeitung liest, fängt später meist nicht mehr damit an. Diese Veränderungen erfordern eine Reaktion der Zeitungsverlage und eine konsequente strategische Neudefinition. Eine neue mobile Vision der Zeitungen muss geschaffen werden.

Die Realität der Zeitungsbranche ist weit weg von einer mobilen Vision.

Das digitale Angebot der Zeitungsverlage wächst stetig – und exponentiell. Bereits zwei Drittel der Zeitungen boten 2017 ihre gedruckten Ausgaben auch als E-Paper an. Und laut BDZV waren 2017 auch über 600 mobile Zeitungs-Apps auf dem deutschen Markt verfügbar. Vieler dieser Apps gleichen sich in Funktionalität und Erscheinungsbild, die meisten dieser Apps gleichen sich auch in ihrem mäßigen Erfolg und in der schlechten Bewertung in den App Stores. Ein erfolgreiches digitales Geschäftsmodell können die wenigsten Verlage vorweisen und die rückläufigen Printauflagen so nicht kompensieren.

Neue Zielgruppe, neues Medium – aber alte Strategie.

Jede Zielgruppe hat ihre eigenen Bedürfnisse, jedes Medium seine eigenen Besonderheiten – dies gilt besonders für den mobilen Kanal. Häufig werden aber schon bekannte Konzepte aus Print oder Web auf den mobilen Kanal übertragen, ohne die Besonderheiten zu beachten. Genauso wenig wie ein Printkonzept im Web funktioniert, kann ein Webkonzept mobil erfolgreich sein. Zu viele Chancen werden nicht genutzt, zu viele Irritationen beim Nutzer geweckt. Die junge Generation ist mit dem Internet aufgewachsen und in der digitalen Welt zu Hause. Intuitiv nutzt diese Generation das Internet, um sich zu informieren und auszutauschen – und das größtenteils mobil.

Die meistgenutzte Antwort der Verlagshäuser auf diese Entwicklung ist es, ein E-Paper mit den Inhalten der Print-Zeitung auf den digitalen und mobilen Markt zu werfen – und geht vollkommen an den Nutzungsbedingungen des mobilen Kanals vorbei. Vergessen werden dabei, alle Besonderheiten des mobilen Kanals und der mobilen Nutzung. Diese sind unter anderen:

  • Internetverbindung: Schlechte oder nicht vorhandene Internetverbindungen verlangen nach cleveren Offline-First-Konzepten
  • Geteilte Aufmerksamkeit: Durch die Second- oder sogar Third-Screen-Nutzung sinkt die Aufmerksamkeit der Nutzer und verlangt nach Konzepten, die trotzdem eine gute Usability ermöglichen.
  • Nutzungsdauer: Die Nutzungsdauer mobiler Angebote ist im Vergleich zu Printmedien kürzer, findet jedoch häufiger statt. Der Use-Case der morgendlichen Zeitungslektüre verschiebt sich digital und besonders mobil immer mehr zu einem Nachrichtenkonsum über den ganzen Tag. Jederzeit und jederorts.
  • Share: Nutzer wollen Inhalte teilen – einfach und intuitiv. Ganze E-Paper widersprechen dieser Nutzung.
  • Individualität: Im mobilen Kanal ist die Möglichkeit, die Nutzer individuell abzuholen, eine der größten Chancen und dennoch wird sie häufig nicht genutzt. Gerade für den individuellen Nachrichtenkonsum ist dies aber die größte Stellschraube.
  • Screengröße: Die Screengröße eines Smartphones (und auch die von Phablets und Tablets) ist nicht dafür ausgelegt, Zeitungen im PDF-Format zu lesen. Endloses Zoomen und Frustration bei den Nutzern sind die Folge.

Es braucht ein radikales Umdenken.

Die Besonderheiten des mobilen Kanals im Hinterkopf behaltend, gilt es also ein funktionierendes Geschäftsmodell für diesen Kanal zu entwickeln. Laut „Trendreport 2020“ des BDZV sind technologisch ausgereifte Konzepte, Authentizität und originelles Design die wichtigsten Erfolgsfaktoren, um diese Zielgruppe nicht nur zu erreichen, sondern auch zu begeistern.

Die vom BDZV in Auftrag gegebene Studie „Millennials. Mediennutzungsverhalten und Optionen für Zeitungsverlage“ zeigt, dass sich Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 35 Jahren innovative digitale Darstellungsformen bei der Vermittlung von Nachrichten wünschen. Statt schriller und aufdringlicher Informationsangebote im Netz sollen Nachrichtenportale ein hohes Maß an Seriosität, Transparenz und Verlässlichkeit bieten. In diesem Punkt haben bekannte Marken und traditionelle Verlagshäuser einen Wettbewerbsvorteil gegenüber neuen Medienkonzepten, die sich erst noch beweisen müssen – diesen spielen die Verlagshäuser bisher jedoch noch nicht genug.

Ziel sollte es sein, die Möglichkeiten des mobilen Kanals voll auszuschöpfen und die Qualität der Inhalte der Verlagshäuser zu nutzen. Diese beiden Faktoren können für die Nutzer zu einem individuellen Nachrichtenerlebnis vereint werden. In anderen Worten: Die Nachrichten, die für mich relevant sind – jederzeit und jederorts!

Wo beginnt man?

Einen ersten Schritt in diese Richtung sind wir mit den Badischen Neuesten Nachrichten gegangen. Die von uns entwickelte mobile App bietet sowohl digitalen Skeptikern, als auch Digital Natives eine Alternative zur gedruckten Ausgabe. Neben einem ansprechenden UI-Design, welches für mobile Endgeräte wie Tablets und Smartphones optimiert ist, bietet sie noch weitere technologischen Raffinessen. Zum Beispiel können Inhalte im personalisierbaren Bereich individuell zusammengestellt werden. Ein automatisierter Download ermöglicht die Offline-Verfügbarkeit der bevorzugten, individuellen Ausgabe. Zugang zu einem weitreichenden Archiv, sowie eine schnelle Suchfunktion machen das digitale Erlebnis vollkommen. Zudem werden die regionale Nachrichten schon ab 19Uhr des Vorabends ausgespielt und bieten den Nutzern so zusätlichen Mehrwert.

Diese Version beschreibt jedoch nur den ersten Schritt in die neue mobile Welt der Badischen Neuesten Nachrichten. Die Vision ist es, ein nachhaltig erfolgreiches Geschäftsmodell für den mobilen Kanal zu gestalten, das besonders die noch unerschlossene junge Zielgruppe anspricht – und daran arbeiten wir mit Hochdruck!

Fazit: Die Zukunft der Zeitungen ist digital und mobil.

Das Internet und sinkende Auflagenzahlen stellen auf den ersten Blick große Herausforderungen dar. Auf den zweiten Blick lässt sich aber erkennen, dass es auch große Chancen bietet. Jetzt ist der Zeitpunkt, um wichtige Schritte in der digitalen Strategie einzuleiten. Denn die Zukunft der Zeitungen ist digital und mobil.

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