User Interface Design für Silver Surfer oder: Apps, die jede Oma versteht.

Silver Surfer, Best Ager, Generation Plus … Für die Gesellschaftsschicht ab Mitte 50 gibt es viele Begriffe. Der Begriff „Senioren“ wird dabei mittlerweile kaum noch verwendet, denn mit Senioren verbindet man Zerbrechlickeit, Ausgelaugtheit und ein gewisses Nicht-mehr-auf-der Höhe-sein – und mit diesen Klischees hat diese Generation oft kaum etwas zu tun. Aber wie genau charakterisiert sich diese Generation? Wie nutzen sie Apps? Und was gilt es dabei zu beachten? Diesen Fragen möchten wir in diesem Blogbeitrag auf den Grund gehen.

Wer sind diese neuen Alten?

Die neue alte Generation hat sich der wachsenden, medienlastigen Gesellschaft angepasst und definiert sich selbst als aktive, lebensfreudige und vielschichtige Zielgruppe. Die eigenen Eltern und Großeltern sind oft technisch überaus gut ausgestattet, surfen durch das World Wide Web und nutzen Apps. Erstmals definiert wurde diese Zielgruppe im Jahr 1990. Als Zielgruppe mit überdurchschnittlicher Kaufkraft wurde ihnen ein immenser Beitrag am rapiden Zuwachs der Online-Nutzer zugeschrieben (ca. 77,2 %). Somit sind sie nicht nur Randerscheinung, sondern haben einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert und etablieren sich nach und nach als eine der wichtigsten Zielgruppen. Bereits im Jahr 2013 beschrieb das Technologie-Forschungs-Institut Gartner Silver Surfer als die vielversprechendste Zielgruppe, wichtiger als Generation X und Y.

Nutzungsverhalten der Silver Surfer

Befragungen haben ergeben, dass ältere Benutzer viel Wert auf Kommunikation, Mobilität und Organisation legen und hierfür zunehmend auf mobile Applikationen zurückgreifen. Ein für den schweizer Media Use Index befragter Repräsentant dieser Gruppe sagte bereits 2012: „Mobilität ist nicht mehr vorstellbar ohne Internet.“ So zählen zum Einen Messaging-, Navigations- , Organisations-, aber zum Anderen auch Gesundheitsapps zu den beliebtesten Applikationen in dieser Zielgruppe. Einige Beispiele dafür sind: Skype (Kommunikation), Trip Advisor (Mobilität), Erinnerungen (Organisation) und Health (Gesundheit)

Apps, die Silver Surfer nutzen.

Ein weiteres wichtiges Bedürfnis dieser Zielgruppe sind Informationen. Silver Surfer recherchieren gerne, um auf dem neuesten Stand zu bleiben und ihr Wissen noch zu erweitern. Aus diesem Grund sind Nachrichten-Apps eine weitere wichtige Säule im Nutzungsverhalten.

Welche Besonderheiten sollte man bei den Silver Surfern beachten?

Obwohl wir festgehalten haben, dass diese Zielgruppe nicht mehr mit Senioren gleichgesetzt werden kann und obwohl die geistige Fitness immer besser wird, gibt es altersbedingte (oft körperliche) Einschränkungen, die beachtet werden müssen, wenn man Apps für diese Zielgruppe entwickelt.

Betrachtet man nun die Nutzungsintensität sowie die Wichtigkeit und das Potential dieser Zielgruppe, sollte man meinen, ein Großteil der Apps sei auf diese Bedürfnisse abgestimmt und so gestaltet, dass er für diese älteren Nutzer keine Probleme darstellt – doch diese Annahme ist leider falsch.

Das Design für junge User eignet sich nur bedingt für Ältere, da eine gewisse „Einfachheit“ nicht ausreichend geschaffen wurde. Während Produkte für die ältere Generation simpel und scheinbar von jedem bedienbar sind, weist die Nutzung von Produkten jüngerer Zielgruppen Probleme für die älteren Zielgruppen auf. Nicht immer werden „Best Ager“ in den Konzeptions- und Designprozess miteinbezogen , obwohl es nicht an viel fehlt, um Apps altersgerecht zu gestalten. Oftmals sind Anwendungen von jungen Usern für junge User kreiert worden. Die Barrierefreiheit fehlt.

Was genau bedeutet Barrierefreiheit im User Interface Design?

Bei Barrierefreiheit denkt man schnell an Aufzüge, Rollstuhlrampen und gut erreichbare Automaten. Im User Interface Design beschreibt dieser Begriff eine uneingeschränkte Nutzung von Diensten. Problematiken wie geringes Sehvermögen, Vokabularverständnis oder auch zunehmende Grobmotorik, sollen hierbei für die Silver Surfer verbessert werden. Was gilt es zu beachten, wenn man ein Design für diese Zielgruppe gestaltet? Eine der goldenen Regeln ist das Prinzip „Don’t make me think“. (Für die Barrierefreiheit nochmal auf deutsch: „Lass mich nicht denken“) Hierbei soll der User nicht erst herausfinden müssen, welcher Button welche Aktion hervorruft oder welcher der zu priorisierende Inhalt ist, sondern die Gestaltung der Benutzeroberfläche soll diese Fragen intuitiv beantworten. Um genau zu verstehen, wie das aussehen sollte, betrachten wir die Designempfehlung für die Silver Surfer:

1. Empfehlungen zu Fehlertoleranz und Hilfestellung

• Verwendete Begriffe sollen klar verständlich sein und keine zu technische oder zu jugendliche Sprache beinhalten.
• Fehlermeldungen sollen unmissverständlich erklären, was schief gelaufen ist und wie der Nutzer den Fehler beheben kann.
• Flache Hierarchien, die idealerweise zwei, allerhöchstens vier Schritte zum Ziel benötigen.
• Die Anwendung sollte einen intuitiv verständlichen Aufbau besitzen und nicht auf Suchfunktionen angewiesen sein.
• Bei Eingabefeldern sollte eine erwartete Syntax und möglichst viele Defaults angeboten werden.

2. Empfehlungen zu Kontrast und Größenverhältnisse

• Grundsätzlich sollten größeren Schriften verwendet werden. Im anlogen Bereich spricht man von einer Schriftgröße von 14 Punkt. In der App-Entwicklung greift man hierbei auf die Einstellungen im Betriebssystem zu, da viele ältere Nutzer ihr mobile Device grundsätzlich mit einer größeren Schrift nutzen. Die Schriftgröße sollte daher nicht als fixe Größe gelten, sondern so gewählt sein, dass sie über die Applikationseinstellungen skaliert werden kann.
• Genügend Freiraum einplanen, um klickbare Grafiken oder Buttons voneinander abzugrenzen. Außerdem müssen die Elemente großflächig sein, da im Alter die Feinmotorik nachlässt.
• Eine kontraststarke Gestaltung wählen, um es dem älteren Auge angenehmer zu machen.

3. Empfehlungen zu altersgerechten Interface Elemente

• Pulldown Menüs und dynamische Navigationselemente vermeiden, um nicht unnötigen Bedienstress aufzubauen.
• Verwendung eines flexibles Layouts, welches auch für niedrige Auflösung funktioniert.
• Eventuelle Werbung deutlich von allen anderen Elementen abgrenzen.

Wie kann man User Interface Designs für Silver Surfer bestmöglich umsetzen?

Wie bei allen konzeptionellen und gestalterischen Überlegungen ist es wichtig, die Bedürfnisse der Zielgruppe zu kennen und diese bestmöglich zu adressieren. Als Grundlage für das User Interface Design gelten die Verwendung von Aktionsfarben und simplen Strukturen sowie selbsterklärende Inhalte – übrigens nicht nur für diese Zielgruppe. Klare Kontraste, deutlich voneinander abgrenzende Farben, einfache und große Schriftzüge, ebenso wie kurzgehaltene Texte, sind zudem besonders wichtig für die Benutzerfreundlichkeit bei den Silver Surfern.

Das User Interface Design für Silver Surfer berücksichtigt somit einfache, visuell klar abzugrenzende Elemente, mit offensichtlich verständlichen Bezeichnungen, die darüber hinaus lediglich Informationen darstellen sollen, welche zur Erfüllung der situativ relevanten Aufgabe benötigt werden. Weniger ist mehr, da eine große Anzahl an Elementen für ältere Nutzer als belastend empfunden werden.

Meiner Meinung nach, wird die Wichtigkeit dieser Zielgruppe stätig wachsen und immer mehr zu einer der Hauptzielgruppen werden – alleine schon aufgrund der älter werdenden Gesellschaft. Bei der fluidmobile folgen wir daher dem Grundsatz „Wir machen Apps, die jede Oma verstehen kann“, dabei geht es nicht darum, seniorige Elemente in die Gestaltung aufzunehmen, sondern diese einfachen Empfehlungen zu beachten und den User in den Mittelpunkt aller Überlegungen zu stellen.

Wie seht Ihr die Bedeutung dieser Zielgruppe? Werden Apps schon genug für diese Zielgruppe optimiert?

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